In der Konferenz vom 25.September 1919 beginnt Rudolf Steiner den Lehrplan für den Freien Religionsunterricht zu entwickeln. Gleich eine der ersten Angaben ist die folgende:
„Eine Art Rückschau auf allerlei Zustände, die da waren vor der Geburt, haben die Kinder noch, wenn sie dem siebten Jahre nahe kommen. Sie erzählen manchmal die kuriosesten Dinge, die bildhafte Dinge sind, von diesen früheren Zuständen; zum Beispiel, das ist nicht vereinzelt, sondern typisch, dass die Kinder kommen und sagen: Ich bin in diese Welt gekommen, das war durch einen Trichter, das hat sich immer weitergezogen. – Sie beschreiben, wie sie in die Welt gekommen sind. Diese Dinge lässt man beschreiben, lässt sie mitarbeiten und pflegt das, so dass es heraufgeholt wird ins Bewusstsein. Das ist sehr gut, nur ist es zu vermeiden, dass den Kindern etwas eingeredet wird. Man müsste dasjenige herauskriegen, was sie selber sagen. Das sollte man tun: Das gehört zum Lehrplan.“
So früh wie möglich kann man den Unterricht in diese Richtung hin entwickeln. Nun ist es bei uns in Braunschweig sogar nach einer Absprache mit den Konfessionen so, dass wir erst in der 2.Klasse mit dem Religionsunterricht beginnen, die Kinder also schon den 8.Geburtstag feierten oder auf ihn zu gehen. Es ist also zu erwarten, dass man nur noch relativ geringe Reste der entsprechenden Inkarnationserinnerung erhalten kann.
Die Unterrichts-Situation
Eine gut ausgearbeitete Hinführung zum Thema wird vorangehen. Zunächst wurde über die Liebe zwischen Eltern und Kindern gesprochen und dann wurde auf die größte Äußerung der gegenseitigen Liebe, die leibliche Verbindung des Kindes mit seinen Eltern durch die Geburt, eingegangen.
Auf die Frage, wie die Kinder ihren Weg von ihrer vorgeburtlichen Heimat in diese Welt erinnerten, war erst zögerliche Stille. Dann kamen zwei Äußerungen, die sich aber auf frühkindliche Erlebnisse bezogen. Oft kommen in diesem Moment auch Äußerungen, die auf dem beruhen, was die Kinder nachträglich über ihre eigene Geburt von ihren Eltern gehört haben.
Berichte
Man führt nun das Gespräch weiter: „Kinder, versucht euch zu erinnern, wie es noch vor dem Eintritt in diese Erdenwelt war.“ Dann kam die erste Äußerung: „Da war ein Gang, dann ging eine Tür auf und ich war da.“ Nun stellte ich die Frage, ob das Kind noch ein wenig genauer erinnere, wie dieser Weg ging; ob er z.B. gerade oder gebogen war. Nachdem dann andere Kinder ihre Erlebnisse berichtet hatten, entwickelte dieses erste Kind seine Erlebnisse weiter.
Der Weg sei spiralförmig hinabgegangen. Dann wären da drei Gänge gewesen; einer nach rechts, einer nach links, einer in der Mitte. Er hatte den mittleren gewählt! - Warum? - Da stand: „Ausgang“. - Was stand denn bei den anderen Wegen? - Eingang! - Nach einer Weile kam dann noch die Ergänzung, dass es einen Fahrstuhl gegeben hätte nahe dem Ausgang. Wenn man den nahm, dann fuhr man wieder hoch und musste den ganzen Weg wieder neu nach unten nehmen. Einige Schilderungen waren dann so umständlich, dass man sie nicht recht verstehen konnte, bzw. dass ich sie nicht mehr erinnere.
Inzwischen begannen bei einem anderen Kind die Erinnerungen nur so sprießen: “Ich kam eine Rutsche herab!“ – dabei machte es unbewusst eine schraubenförmige Bewegung mit dem Zeigefinger. Später erzählte es noch von einem Schwimmbad, in dem es zuvor war. Dann wurde die Schilderung der Rutschbahn und des Weges immer komplizierter und schwerer nachvollziehbar.
Ein zartes Mädchen sprach von einem Seil, das es heruntergerutscht sei, dann landete es auf einem Trampolin, von dem ging wieder eine Treppe hinab zu einer Art Ausgang.
Ein anderes Mädchen aus einer sehr spirituell orientierten Familie sprach von einer bunten Brücke, über die es gekommen sei. Hier schien es fraglich, ob es eine wirkliche Erinnerung war oder sich ein anderes Bild einmischte. Später sprach sie von einem Plumpsen in das Fruchtwasser, in dem es dann einige Monate lebte, bis sie in die Welt trat – ihre Mutter war gerade schwanger, daher die Kenntnis der Begriffe.
Ein stark phlegmatischer, dicklicher Junge sprach von einem Bett, in das er sich gelegt hätte, zwei Tage geschlafen habe und dann wäre er hier erwacht.
Schließlich erzählte ein weiterer Junge von einem Fluss, in dem er geschwommen sei und dann irgendwie hier angekommen sei.
Die einzelnen Äußerungen regten dann immer mehr Kinder an. Viele Bilder kehrten häufiger wieder. Deshalb sei hier nur das geschildert, was die jeweils neuen Dinge waren. Viel war dann auch die Rede von Gängen und Tunnels, durch die man hindurch musste. Das Gespräch wollte kein Ende nehmen, die Stunde allerdings war inzwischen längst zu Ende.
Zweite Stunde
In der nächsten Stunde, eine Woche später wurde nach kurzer Einführung an die Kinder die Frage gerichtet, ob sie noch etwas hinzufügen wollten. Wer z.B. erinnere, ob er auf dem Weg zur Erde immer ganz allein oder ob noch ein Wesen dabei gewesen sei.
Gleich kam eine Äußerung, dass man gefallen und dann von einer Wolke aufgefangen worden sei, zwei Engel seien da gewesen. „Ein Wesen hat mich ein Stück geführt, es war ganz licht, dann bin ich das letzte Stück allein gegangen.“
Ein anderer Junge sprach davon, dass er Jesus Christus begegnet sei, der habe eine Richtung gewiesen; es ging dann geradewegs auf eine Wand zu, die sich dann aber geöffnet habe, als er vor sie trat. Dann sprach dieser Junge von Kristallen, die sich in Schlüssel verwandelt haben, mit denen er Pforten öffnen konnte. Die Bilder begannen dann wieder hervorzuquellen: Es habe dann auch drei Wege gegeben. Es standen Wegweiser: Ein goldener, ein silberner und ein bronzener. Der goldene war wohl der mittlere. Das war der richtige Weg.
Es gab zwei Flüsse; in einem konnte man mit der Strömung schwimmen oder rudern, im anderen musste man gegen die Strömung ankämpfen. - Mit blitzenden Augen meinte der Junge, dass aber natürlich der Fluss, wo man gegen die Strömung ankämpfen musste, der richtige war; den habe er genommen.
Er sprach von 10 Kristallen, deren Farben er zu beschreiben begann, mit denen er etwas tun musste: Er fing dann mit der Hand an, an der Wand bestimmte Vorgänge zu demonstrieren, die wir nicht verstanden. Immer wieder sprach er von Jesus Christus, der ihm begegnete.
Schließlich erwähnte er noch seinen jüngeren Bruder, dem er begegnet sei.
Selbst ganz überrascht schilderte er wieder einen neuen einen Fluss, in dem er schwamm, aber plötzlich sei er im Trockenen gewesen. Der Fluss sei dann über ihm gewesen. - Dieses wurde mit derselben Verwunderung von seinem Nachbarn bestätigt.
Ein Zwillingsmädchen meinte auch, ihrem Bruder schon vorher begegnet zu sein.
Ein „Fluss“ tauchte immer häufiger bei verschiedenen Kindern auf.
Ein anderes Kind, das beim ersten Mal geschwiegen hatte, begann seine Erlebnisse mit all den Bildern zu schildern, die wir schon in der ersten Stunde gehört hatten. Man konnte misstrauisch werden, ob da eine wirkliche Erinnerung vorlag, doch mit einem Mal endete das Schwimmen im Fluss in einem Wasserstrudel, der es hinabzog, dann war es da. Später meinte es noch, dass es in ein rötliches Wasser gefallen sei, dann ging es hinaus.
Die Rutsche wurde dann auch zu einer Wasserrutsche, die allerdings auch nach oben gehen konnte! Der Junge, der das letzte Mal vom Schlafen in einem Bett berichtet hatte, meinte nun, dass er in einem Boot gefahren sei, dieses fuhr in ein großes Schiff hinein, dort ging dann irgendwie die Rutsche hinauf.
Häufig wiederholt wurden die Bilder: Rutsche, Fluss, Tor, Wand, Gang, Wolke, Trampolin, fliegen, schweben, fallen. Auch der Regenbogen kam einige Male bei Mädchen vor. Man saß irgendwie darauf und kam durch ihn in die Welt.
Zudem wurde verschiedentlich der Begriff „Pegasus“ gebraucht: Der Himmel war voller „Pegasusse“ oder: Ich saß auf einem Pegasus.
Ein kraftvoller, ritterlicher Junge, der sehr viel berichten konnte, schilderte dann auch Wesen, gegen die er kämpfte. Er sprach von Lichtschwertern. Einem Wesen hieb er den Kopf ab. Es zerfiel in Kristalle. Ein riesenhaftes Lichtwesen nahm ihn auf die Hand und schleuderte ihn davon, da konnte er fliegen. Das sei zweimal geschehen. Einmal fiel er wie an einem Fallschirm in die Tiefe.
Bei vielen Schilderungen hatte man den Eindruck, dass die Kinder immer wieder von verschiedenen Stufen des Weges zur Erde sprachen, dass man wie von Etage zu Etage den Weg zurücklegte und sich auf den verschiedenen Stufen ähnliche Dinge ereigneten.
Wir mussten wiederum die Gesprächsbeiträge abbrechen, da die Stunde zu Ende war.
Dritte Stunde
Es folgte eine dritte Stunde. Schon nach einer kleinen Einleitung, die das Gespräch ein Stück weiterführen sollte, schnellten die Finger wieder nach oben. Die neue Fragestellung ging in die Richtung: Was war denn, nachdem man das Tor zur Welt durchschritten hatte?
Die ersten Bemerkungen gingen in die Richtung, dass wieder eher Erlebnisse kamen, die im Sinne der vorigen Stunden klangen. Erst nach eindringlicher, wiederholter Frage: „Aber was war dann?“ – kam es: „Es war weiß! Ich kam auf eine weiche Unterlage, Matte, Matratze zu liegen oder fiel darauf.“
Dieses wurde häufig wiederholt.
Die zweite Variante war: „Ich lag in Schnee.“ - „War es eher kalt oder eher so weich wie Schnee?“ – „Es war kalt!“ und „Ich wurde angefasst.“
„Konnte man etwas sehen?“ – „ Ich sah meinen Vater.“ – Dies war die häufigste Antwort. Die Mutter sahen weniger Kinder. Einer erwähnte mehrere Verwandte oder auch ein Zimmer.
Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass aus der Gruppe von 22 Kindern sich im Schnitt mehr als die Hälfte, vielleicht sogar zwei Drittel im Laufe der Tage äußerten.
Interessant dabei auch folgende Entwicklung: Ein Junge war in der ersten Stunde ganz fassungslos, wie da einige anfingen ihre Inkarnationserlebnisse zu schildern. Das sei doch alles ganz anders, wie das bei der Geburt vor sich ginge. Ich gab ihm recht und versuchte ihn zu beruhigen, dass die Geburt des Leibes in diese Welt hinein die eine Sache sei. Wir betrachten jetzt aber nur den Weg der Seele vom Himmel zur Erde.
In der zweiten Stunde, hörte er plötzlich die ganze Stunde fasziniert, geradezu aufsaugend zu.
Und in der dritten Stunde: Ich kam da auch so eine Rutsche herab, dann war da ein Fußballspiel, man musste richtig kämpfen; man gab mir einen Schlüssel, damit schloss ich eine Tür auf und war da. – ( Er ist ein großer Fußballfreund.)
Pädagogische Fragen
Auch in früheren Jahren hatte ich versucht mich im Religionsunterricht an diese Fragen heranzutasten. Man braucht sicher ein bestimmtes, vertrauensvolles Verhältnis zu einer Religionsgruppe, bevor man es überhaupt wagen kann, das Thema so zu behandeln.
Meine Erfahrung ist, dass sich die Berichte der Kinder mit den nachwachsenden Schülergenerationen steigern. Bei einem ersten Versuch vor vielleicht 15-20 Jahren, kamen im Grunde gar keine passenden Antworten. Die Klasse verstand gar nicht, was ich meinte. Daraufhin schwenkte ich thematisch sofort zu einem anderen Thema. Einige Jahre später hatte ich wieder eine religiös sehr offene Gruppe, hier kamen schon einige wenige zarte Rückerinnerungen. Unerwartet stark aber waren die Reaktionen in der aktuellen Gruppe, von der oben berichtet wurde.
Unmöglich wäre natürlich auch ein solches Unterrichtsgespräch, wenn von einem einzigen Kind unangemessene Bemerkungen gemacht würden, wie das vielfach auch erlebt werden kann. Dann muss man schnell und unbemerkt zu anderen Schwerpunkten wechseln. Eine „störende“ Zwischenbemerkung kann ja als Signal oder Botschaft empfunden werden, dass man mit seinem Unterricht nicht nah genug an allen Kindern dran ist. Man startet dann besser mit einem neuen Versuch, als dass man den „Störer“ verurteilt oder zum Schweigen bringt.
Phantasie
Man kann geneigt sein, diese kindlichen Schilderungen für ausgedacht oder fantastisch zu halten. Aber man wird schnell zu einer anderen Überlegung geführt: Ist nicht die Welt der Phantasie vielleicht die gleiche Welt, aus der die Kinder zu uns herabsteigen? Weisen nicht die Anklänge an Märchenmotive darauf hin, dass es sich hier in Wirklichkeit um ein Schöpfen aus der gleichen Quelle handelt?
Man konnte sehr wohl feststellen, dass sich viele Beiträge ähnelten oder wiederholten, interessanterweise tauchte dann aber doch immer wieder eine neue, individuelle Wendung auf, die so noch kein Kind vorher mitgeteilt hatte. Vielleicht kann man eher davon ausgehen, dass das Unterrichtsgespräch anregend oder weckend gewirkt hat. Die Erinnerungen der Kinder erwachen dadurch, dass einige anfangen und erzählen. Wie geschildert, so dauerte es bei einem Jungen sogar zwei Wochen, bis etwas Zaghaftes hervortrat.
Deutlich wird auch, wie sehr die Kinder in diesem Alter noch in der Welt der lebendigen Seelenbilder leben und wie wichtig und sinnvoll es sein kann, im Unterricht dieses aufzugreifen und daran anzuknüpfen.
Die Schilderungen der Kinder hingen nicht davon ab, ob sie in einem religiösen oder spirituell behütenden Elternhaus aufwachsen. Selbst ein handfester „Fußball-Junge“ konnte viel zum Gespräch beitragen.
